Bei der 22. Einrad-Weltmeisterschaft im österreichischen Steyr haben die Sportlerinnen und Sportler aus Nordrhein-Westfalen eine bemerkenswerte Bilanz vorgelegt: zwei Weltmeistertitel, eine Bronzemedaille mit der Staffel und ein vierter Platz in der Königsdisziplin des Freestyles.
Steyr/NRW. Zwei Wochen lang stand die oberösterreichische Stadt ganz im Zeichen des Einrads. Vom 25. Juli bis zum 7. August 2026 war Steyr unter dem Motto „United in Unicycling“ Gastgeberin der UNICON 22. 1.146 Sportlerinnen und Sportler aus 42 Ländern gingen an den Start, hinzu kamen 826 sogenannte Non-Competitors, die als Begleiter und Unterstützer einen wesentlichen Teil zum Gelingen der Veranstaltung beitrugen. Insgesamt wurden 327 WM-Medaillen vergeben, die sich am Ende 95 Athletinnen und Athleten aus 17 Nationen teilten.
Wer noch keine UNICON miterlebt hat, ahnt kaum, welche Vielfalt sich hinter diesem Sport verbirgt. Mehr als 30 Disziplinen, vom Freestyle über die Rennen bis hin zu Urban und Muni, werden in sämtlichen Altersklassen ausgetragen. Begleitet wird das sportliche Geschehen von einem Convention-Programm mit Shows, Workshops und Community-Veranstaltungen. Gerade aus dieser Verbindung von Wettkampf und Festival bezieht die Weltmeisterschaft ihren besonderen Reiz.
Für den deutschen Einradsport verlief die WM außergewöhnlich erfolgreich. Mit 24 Gold-, 19 Silber- und 14 Bronzemedaillen führte Deutschland den Medaillenspiegel an, vor Japan und Gastgeber Österreich.
Die herausragende Einzelleistung aus nordrhein-westfälischer Sicht gelang Jolin Klein von der DJK Adler 07 Bottrop. Sie wurde gleich zweifach Weltmeisterin, über 30 Meter Radlauf und im Coasting.
Beide Disziplinen muten auf den ersten Blick beinahe unmöglich an. Beim Radlauf bleiben die Pedale ungenutzt: Die Fahrerin setzt ihre Füße direkt auf den rollenden Reifen und treibt das Rad mit wechselnden Schritten über 30 Meter voran, gemessen wird die Zeit. Beim Coasting hingegen lösen sich die Füße vollständig von den Pedalen und ruhen auf der Gabel. Ohne jeden Antrieb rollt das Einrad aus, gewertet wird die Strecke, die dabei im Gleichgewicht zurückgelegt wird.
Darüber hinaus erreichte Jolin Klein im Finale über 100 Meter den vierten und im Criterium den sechsten Platz. Das Criterium ist aus dem Straßenradsport bekannt und folgt auf dem Einrad demselben Prinzip: Statt einer langen Strecke wird ein kurzer Rundkurs wiederholt befahren, wodurch das Feld eng beisammen bleibt und sich die Positionen fortwährend verschieben. In Steyr begann der Kurs auf der Straße vor dem Stadion und führte anschließend auf die 400-Meter-Bahn, wo ein verwinkelter Parcours abgesteckt war, geprägt von zahlreichen Kurven, kurzen Geraden und ständigen Tempowechseln. Die Finalläufe gingen über fünf Runden.
Jolin Klein startete in der Kategorie Standard, in der allein bei den Frauen mehr als 100 Fahrerinnen gemeldet waren. Wer in diesem Wettbewerb Sechste wird, hat sich zunächst in den Vorläufen gegen ein außerordentlich großes Feld behauptet und anschließend im Finale gegen die Stärksten bestanden.
Zwei weitere Finalteilnahmen standen auf ihrem Programm, über 50 Meter Einbein und im IUF-Slalom, einem Hindernisparcours aus Pylonen, der auf Zeit durchfahren wird. In beiden Läufen kam sie jedoch zu Fall und erreichte das Ziel nicht.
Auch mehrere Fahrerinnen und Fahrer der „Einradzebras“ des MSV Duisburg trugen maßgeblich zur NRW-Bilanz bei.
Annika Kraus qualifizierte sich für eine beachtliche Zahl an Finalläufen und war dort stets in der Spitzengruppe zu finden: Platz sechs über 100 Meter sowie jeweils Platz vier über 400 Meter, 800 Meter und im 30-Meter-Radlauf.
Henrik Kraus zog ins Finale über 100 Meter ein und belegte dort den fünften Rang. Gewonnen wurde der Lauf vom Japaner Misaki Uchida in der Weltrekordzeit von 12,44 Sekunden. Mit sechs Weltmeistertiteln, einem Vizeweltmeistertitel und mehreren Weltrekorden war Uchida der erfolgreichste Athlet der gesamten Meisterschaft, was den fünften Platz von Henrik Kraus angemessen einordnet. Hinzu kam für ihn Rang sieben über 50 Meter Einbein.
Malte Roggatz rundete das Duisburger Ergebnis ab, mit Platz sieben über 100 Meter sowie jeweils Platz fünf über 800 Meter und im 30-Meter-Radlauf
Den emotionalen Höhepunkt aus Duisburger Sicht markierte die 4×100-Meter-Staffel. Annika Kraus, Torben Kraus, Henrik Kraus und Malte Roggatz gewannen im Finale Bronze, und das unter Voraussetzungen, die diesen Erfolg zusätzlich aufwerten.
Die Duisburger traten nämlich als reine Vereinsstaffel an. Gold ging an ein japanisches Nationalteam, Silber an eine gemischte Mannschaft mit Startern aus Belgien und Deutschland. Dass sich vier Fahrerinnen und Fahrer eines einzigen Vereins gegen eigens zusammengestellte Nationalteams durchsetzen, kommt auf internationalem Niveau nur äußerst selten vor.
Umso bemerkenswerter ist der Erfolg angesichts des Vorlaufs, in dem die Wechsel nicht sauber gelangen und der Einzug ins Finale lange ungewiss war. Dass sich das Quartett dennoch qualifizierte und im Finale einen nahezu fehlerfreien Lauf zeigte, zeugt von Nervenstärke und großem Vertrauen untereinander.
Dass Einradfahren auch eine künstlerische Disziplin ist, bewies die Freestyle-Gruppe des VfL Grafenwald aus Bottrop. Ähnlich wie im Eiskunstlauf wird im Freestyle eine Kür zu Musik gefahren und nach Technik, Schwierigkeit und Choreografie bewertet, wobei die Großgruppenkür als Königsdisziplin gilt.
Mit ihrem Programm „Let’s do the Charleston“ erreichten die Grafenwalder Fahrerinnen im Finale den vierten Platz und waren damit das beste europäische Team des Wettbewerbs. Ihre Choreografie überträgt den Schwung und Charme des klassischen Charleston auf das Einrad und verbindet akrobatische Fahrkunst mit synchronem Tanz, eingebettet in eine sorgfältig inszenierte Show aus Kostümen, Musik und Bewegung.
Bemerkenswert ist auch der Weg nach Steyr. Ihren Startplatz sicherte sich die Gruppe über die Deutsche Meisterschaft, bei der sich nur die drei besten Gruppen eines Landes qualifizieren. Da sich Startgebühren, Reise- und Unterkunftskosten sowie die Ausstattung der Show zu einer erheblichen Summe addierten, finanzierte der Verein die Reise zur WM teilweise über eine Crowdfunding-Aktion. Ein vierter Platz bei einer Weltmeisterschaft ist eben auch das Ergebnis von viel ehrenamtlichem Einsatz, der im Hintergrund geleistet wird.















